Spannende Zeitreise - Piraten aus Ulcinj

Foto von Alonso Reyes auf Unsplash



Die meisten der historisch bedeutenden Städte in Montenegro sind untrennbar verbunden mit berühmten Persönlichkeiten, Legenden oder einfach nur schönen Geschichten. So auch Ulcinj - die Stadt war über viele Jahrhunderte hinweg eine berüchtigte Piraten-Hochburg und ihre Bewohner eiskalte Sklavenhändler.


Seeräuber gab es immer an der Adria und die Piraterie war eine Gewohnheit, die das Meer damals bereits mit sich brachte. Der Seehandel führte zu Wohlstand, der Schmuggel und die Seeräuberei zu Reichtum. Bis zum 17. Jhd. waren das Berufe wie jeder andere auch. Piraterie war somit eher eine Konsequenz des Handels - wenn es keine Handelsschiffe gegeben hätte, dann auch keine Piraten.

Seit Beginn des 14. Jahrhunderts siedelten sich in der Stadt und darüber hinaus Seeräuber aus Malta, Tunis und Algerien an, die ganze Küste, von Ulcinj bis Kotor, war ein Piratennest. Sie verbreiteten über Jahrhunderte Angst und Schrecken. Tag für Tag griffen sie Handelsschiffe unter verschiedener Flagge an, raubten sie aus, brachten die Beute in ihre Unterkünfte und verkauften sie für teures Geld.

Ihren Höhepunkt erreichte die Seeräuberei in der Adria 1417, als die Osmanen das heute albanische Vlorë eroberten und der rege Handel mit Getreide, Öl, Fleisch und Käse an der Adria zunahm und die Schiffe mit wertvoller Ladung aus fernen Ländern immer mehr wurden. Es gab keinen Hafen oder Küstenabschnitt eines katholischen Landes, vor dem keine Piraten lauerten. Ihre dreiste Tapferkeit brachte dem Sultan Reichtum, ihnen selbst ebenfalls Wohlstand und eine gewisse Narrenfreiheit.


Auch Venedig ist zum Großteil mit Schmuggelware reich geworden und hat daraus nie einen Hehl gemacht. Allerdings traf es gerade auch die venezianische Flotte besonders hart, sie erlitt durch gefährliche Angriffe der Piratenkommandanten immensen Schaden. Obwohl deren Galeonen starke Schiffe waren, verloren sie in einem Monat im Herbst 1580 ganze 25 Schiffe bei Kotor an die Piraten. Es waren gefährliche Seewege geworden, immer verbunden mit dem Risiko, in die Hände der Piraten zu fallen. Die Venezianer konnten ihre Handelsgeschäfte bald nur noch nur unter dem Schutz von Soldaten und ausreichend Waffen an Bord erledigen. Manchmal bezahlte man die Sicherheit auf See auch mit Geschenken. Beides war dennoch keine Garantie, unbeschadet ans Ziel zu kommen. Auf die Risiken hatte man überdies in Verträgen extra hingewiesen. Die Handelsleute aus Dubrovnik segelten sogar mit einer Schiffsartillerie, um die Piraten besser abwehren zu können. In einer venezianischen Studie wurde festgestellt, dass der Schaden durch die Piraterie bis Ende des 16. Jahrhunderts 36 Prozent des transportierten Frachtwertes erreicht hatte. Die Piraten wurden sogar von den Beys mit Geld versorgt, um die Ausgaben für die Räubereien zu decken.


Das Blatt wendete sich erst, als mit dem Verlust von Herceg Novi 1687 die Invasionspolitik gestoppt wurde. Kriege waren plötzlich teuer, Lieferungen konnten nicht bezahlt werden und ein geschwächtes Venedig lähmte den Handel, auf den auch die Osmanen angewiesen waren. Einen ersten Erlass der Hohen Pforte gegen die Piraterie gab es 1706, doch erst 1718 schloss man ein venezianisch-osmanisches Abkommen zur Ausrottung der Seeräuberei. 1719 beauftragte der Sultan den Statthalter der Skadar-Provinz mit der Verbrennung der Piratenboote bei Ulcinj, um für die Adria wieder einen freien Handel sicherzustellen. Dennoch war es unmöglich, die Piraten von ihrer Lebensweise abzubringen und bis ins 19. Jhd. gab es immer wieder Überfälle im adriatischen Raum, an der Westküste Afrikas sogar bis heute.

 Neben ihren Raubzügen auf Handelsschiffe waren die Ulcinj-Piraten aber auch für ihren Handel mit Sklaven bekannt, die anfangs meist aus Italien und Dalmatien kamen. Vorwiegend plünderten die Piraten Villen entlang der Küste von Apulien und Sizilien, nahmen die Eigentümer gefangen und verkauften sie bzw. erpressten Lösegeld. Mitte des 18. Jahrhunderts änderte sich der Geschmack und es wurden Sklaven aus Afrika bevorzugt. Das war mitunter ein Grund, warum bis Ende des 19. Jahrhunderts noch über hundert dunkelhäutige Menschen in der Stadt lebten.


Immer wieder gerne erzählt wird die Geschichte über Lika Ceni (*1749), dem wohl berühmtesten Piratenkommandanten. Als der Sultan von dessen Versenkung eines Pilgerschiffes nach Mekka erfuhr, befahl er die Tötung Cenis. Allerdings hatte dieser einen gefährlichen und geschickten Gegenspieler, den griechischen Seefahrer Lambro, der noch erheblicher in der Ungnade des Sultans stand. Da man Lambro aber nicht fassen konnte, bat der Osmanenherrscher schließlich Ceni um Unterstützung und versprach ihm eine reiche Entlohnung. Lika Ceni sagte zu und schaffte es tatsächlich, Lambro in einem Duell zu töten. Im Gegenzug vergab ihm der Sultan für jedes Verbrechen und verlieh ihm sogar den Titel eines Kapitäns. Auch Cenis Nachkommen waren berühmte Kapitäne. So wurden aufgrund des Schicksals aus einem berüchtigten Bösewicht ein sehr angesehener Ulcinjaner und eine der Piratenlegenden zu einer schönen Geschichte.



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