Die KULLA - eine Jahrhunderte alte Lebensweise!


Vor allem über die gesamte nördliche und nordöstliche Landesfläche Albaniens verstreut, und auch im Westen des Kosovo, stehen in vielen Bergdörfern markante Steinhäuser, die in vielerlei Hinsicht Miniaturfestungen ähneln. (Im Süden wird die Dichte geringer.) Die meisten davon wurden bereits aufgegeben, einige werden jedoch noch bewirtschaftet und geben Einblicke in traditionelle Lebensweisen der Regionen.


Der Bau der Wehrhäuser oder der sogenannten Kullas, man nimmt an, dass sich der Name vom arabischen Wort für Burg ableitet, begann in Albanien sowie im Kosovo mit dem Fall des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert, um die Familien vor den Folgen der Gesetzlosigkeit zu schützen. Dabei haben gerade die Nordalbaner einen Ruf für erbitterten Widerstand nicht nur den Türken gegenüber, sondern auch gegen Kommunisten und Plünderern, der es ihnen ermöglicht hat, ihre Wurzeln und Traditionen zu bewahren.


Während zahlreicher Konflikte wurden Kullas für die Eindringlinge manchmal zu symbolischen Zielen um den Willen der Bergbewohner zu brechen. So waren beispielsweise noch Ende der 1990er Jahre die Wehrhäuser im Kosovo Ziel von serbischen Angreifern.



Ein Blick noch weiter zurück in die Vergangenheit zeigt, dass die Kullas als traditioneller Wohnstil aber bereits viel früher entstanden, in der Region Mat gibt es noch etliche Exemplare aus dem 16. und 17. Jahrhundert.


Der Bau dieser befestigten Häuser war keine leichte Aufgabe und erforderte erfahrene Arbeiter und Handwerker. Teilweise kamen sie von weit her aus anderen Ländern des Balkan, ja sogar aus slawisch besiedelten Regionen. Daher war die Errichtung einer Kulla größtenteils nur wohlhabenden und bürgerlichen Familien vorbehalten, sie waren ein Symbol für Wohlstand und Macht.

Kalkstein aus den umliegenden Bergen war das Hauptmaterial, das in Berg-Kullas verarbeitet wurde, während in Tälern und tiefer gelegenen Gebieten die Kullas Lehm und Holz enthielten, um Erdbebenerschütterungen besser zu absorbieren und Gebäudeeinbrüche zu verhindern. Viele finanzkräftige Familien fügten Elemente wie Steinmauern hinzu, um ihren Kullas das Ambiente einer echten Burg zu verleihen. Andere burgähnliche Merkmale, wie ein Vorsprung im Außenstein, der das rechteckige Haus wie ein Gürtel umgab, waren ebenfalls oft Standard und hielten unerwünschte Besucher davon ab, die Mauern zu erklimmen und sich Zutritt zu verschaffen.


Die meisten Kullas waren drei- bis viergeschossig und mit meterdicken Steinmauern erbaut, mit nur wenigen, hoch oben angebrachten Fenstern in den oberen Stockwerken. So konnte man verhindern, dass Angreifer wussten, was drinnen vor sich ging und wer sich überhaupt darin aufhielt. Als die Lage im Land stabiler wurde und die Dorfbewohner begannen, die Kullas als ihren Hauptwohnsitz anzunehmen, fügten einige größere Fenster für mehr Licht, Komfort und Luftzirkulation hinzu.

Die Fenster der älteren Kullas waren außen breiter und nach innen schmäler gebaut. Dieses Konzept ermöglichte es den Insassen auf Eindringlinge zu schießen, während sie aufgrund der kleinen Öffnungen vor Gegenfeuer weitgehend geschützt waren. Die dicken Mauern boten zudem zusätzliche Isolierung gegen raues Bergwetter und hielten das Haus im Sommer schön kühl.


In Übereinstimmung mit den Bräuchen des Kanun, jene uralten Gesetze, die bis zum Kommunismus (und darüber hinaus) alle Aspekte des Berglebens im Norden regelten, war der Besitzer einer Kulla verpflichtet, sein Haus jedem Fremden zu öffnen, der Hilfe brauchte oder das Risiko barg, Schande über seine Familie und die Gemeinde bringen.

Obwohl von innen mit einem schweren Metallriegel verschlossen, war die Haustür eines der wichtigsten Merkmale einer Kulla. Steinmetze versahen die steinernen Eingangsportale mit geschnitzten Bildern der Natur und Symbolen, um so Auskunft über die Art und den Sinn der Gastfreundschaft des Besitzers zu zeigen.


Ein Gast in einer Kulla wurde sofort nach oben in die Oda gebracht, das Vieh fand in den Ställen im Erdgeschoß Quartier. Die Oda hatte einen Kamin und galt als der schönste Raum des Hauses. Tierfelle bedeckten die Böden, bis im 20. Jahrhundert gewebte Teppiche populär wurden.


Es gibt aber neben den Wohnhaus-Kullas noch eine Sonderform der Wehrhäuser, die turmartigen, fest verschlossenen Bauten, die auch von Zeit zu Zeit immer noch die Fantasie der Medien erregen. Diese wurden verwendet, um diejenigen einzusperren, die schwere Verstöße gegen die Gesetze des Kanun begangen hatten, oder um jene Menschen zu schützen, die von der Blutrache betroffen waren. Das wohl bekannteste Gebäude dieser Art ist der symbolische Blutracheturm von Theth ( Hauptroute H1, Nebenroute N2, S. 13). Er ist immer noch im Besitz der Familie Koçeku und Führungen werden mit lebhaften Erzählungen der Familiengeschichte untermalt.


Als der Kommunismus dann sein Ende hatte, die Menschen sich freier bewegen konnten, verließen viele ihre Häuser in den abgelegenen Bergen, um in den Städten ein besseres Leben zu finden. Die Kullas wurden aufgegeben und verfielen schnell unter den Einflüssen der Natur. Zwar ist auch innerhalb der Familien das Interesse groß, die alten Wehrhäuser zu erhalten, doch ist das nur mit einem großen finanziellen Aufwand möglich, den können nicht alle stemmen. So zerfallen die prachtvollen Häuser langsam, wie auch das traditionelle Dorfleben in den Bergen langsam dahinschwindet.



Literatur: „Der zerrissene April“ von Ismail Kadaré;

Film: „The Forgiveness of Blood“, 2012, englisch;


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