Karneval In Shkodër - 1 Woche buntes Chaos


Doch während bei uns in Westeuropa der Fasching/Karneval eher derb und rustikal abläuft, gibt es auf dem Balkan viel feinere Traditionen. In Shkodra, der nördlichsten albanischen Stadt, zum Beispiel.

Vorneweg: Shkodra ist ohnehin die chaotischste Stadt des Landes, aber durchaus eine der interessantesten, das ganze Jahr über. Gerade hier sind die Geschäfte und kleinen Läden noch die bodenständigsten, das Angebot noch am authentischsten. Gebraucht wie neu. Und billig ist es noch, was man von vielen anderen Städten des Landes nicht mehr ganz vorbehaltlos behaupten kann.


Shkodër ist aber auch eine jener Städte, die sich in den letzten Jahren unheimlich gemausert hat. Eine der schönsten Fußgängerzonen nennt die Stadt ihr Eigen, mit sehr gelungen restaurierten historischen Bauten und einem lebendigen Flair, wie man ihn sonst nur selten in Albanien findet.


Und Shkodër ist auch die Stadt der Fahrradfahrer. Das merkt man schnell. Respektloser Fahrradfahrer jeden Alters. Generell muss man akzeptieren, dass die Straßen ihnen gehören - alle Straßen, auch in die entgegengesetzte Richtung. Es herrscht Ausnahmezustand. Und einer besonders schönen Ausnahmesituation auf Shkodras Straßen begegnet man jedes Jahr im Spätwinter für eine ganze Woche lang. 7 Tage lang herrscht buntes Treiben.


Die Straßen und Plätze sind voll mit phantasievoll maskierten, ausgelassenen Menschen aller Altersgruppen. Man trägt farbenfrohe, prächtige Kostüme, Pferdekutschen werden reich geschmückt. Und jedes Jahr ist der Karneval in Shkodër noch ein wenig ausgefallener, bunter, fröhlicher und erfolgreicher. Es ist ein Fest, das Geschichte und Kultur vereint, ein Fest der Harmonie, Liebe und des Humors. Ein Fest mit vielen Bedeutungen, das sogar für einige Tage den eintönigen und oft auch sorgenvollen Alltag vertreibt, Politik und Wirtschaft vergessen lässt. Überhaupt ist er einer der Farbenprächtigsten und Abwechslungsreichsten des Landes, und das bereits seit 1860. Nur zu Kriegszeiten und während der kommunistischen Ära setzte das Spektakel aus. Erst seit 1998 tanzt und singt man wieder auf den Straßen der alten illyrischen Hauptstadt. Es gibt sogar eine eigene shkodranische Karnevalshymne.



Der Karneval in Shkodër ist auch zu einer Institution mit weitreichender Unterstützung geworden. Von Jahr zu Jahr wird mehr Budget bereitgestellt und das Programm wird umfangreicher und die Präsentation vor dem gelehrten Publikum, das die Feierlichkeiten bewertet, aufwendiger. Ein vielfältiges, buntes Programm führt durch die Festwoche.

Es beginnt mit der traditionellen Karnevalseröffnung, dann gibt es die Nacht der Hexen und die Nacht der Gefallenen. Hinzu kommen zahlreiche Theateraufführungen mit Schauspielern der Stadt und Schülern aus sämtlichen Bildungseinrichtungen, die ihre Stücke monatelang einstudieren. Den Höhepunkt und Abschluss bildet nach meist vier Tagen die Dordolec-Parade, ein marathonähnlicher Umzug, der am Mutter-Teresa-Platz mit einer symbolischen Verbrennung endet, welche die negativen Einflüsse auf die Stadt auslöschen soll. Dann beginnt, wie bei uns, eine 40-tägige Fastenzeit, die bis Ostern dauert.


Doch Shkodër ist nicht nur das Zentrum des albanischen Karnevals, es ist auch die Stadt, wo jene berühmten venezianischen Masken ihren Ursprung haben, die heute in aller Welt bei Karneval, Theater und Film zum Einsatz kommen. Ja richtig, nicht aus Venedig kommen sie, hier in Shkodër werden sie gefertigt. Wer den Ausstellungs- und Verkaufsraum von Edmond Angons Fabrik betritt, den erwartet ein Kaleidoskop von unzähligen Farben, Formen und Stilrichtungen. Jedes Stück besitzt nicht nur Qualität und Originalität, jedes ist ein Kunstwerk für sich, ein einzigartiges Unikat. Bereits über 20 Jahre lang widmet sich Angon, der ursprünglich aus Gjirokastër stammt und 1997 aus Venedig nach Albanien zurückkehrte, hier in Shkodër der Herstellung von Masken und hat seine Technik im Laufe der Jahre mehr und mehr perfektioniert. Lange Jahre der Erfahrung, inzwischen ist er auch Regisseur am Migjeni-Theater. Hier wird die Leidenschaft und Kreativität eines Künstlers präsent, der seine Berufung zu einem weltweit florierenden Unternehmen machte. Allein in Venedig gibt es 8 Geschäfte nur mit seinen Produkten, eines in Las Vegas, und 45 Luxusgeschäfte überall auf der Welt werden beliefert. Ein wahres kleines albanisches Imperium.


Doch er ist nicht allein. Jedes Einzelstück der „Venice Art Collection“ wird von hoch qualifizierten, engagierten Handwerkern handgefertigt und spiegelt die Liebe und das Können der Hände wider, die es hergestellt haben. Über 30.000 Masken aus 1.700 Modellvorlagen werden hier jährlich gefertigt. Mit traditionellen, seit Generationen überlieferten, venezianischen Techniken, kombiniert mit neuen Methoden und zeitgemäßer Dekoration. 12 oder 13 Arbeitsgänge sind notwendig, um aus Ton, Papier und Schlamm die Maske für den letzten Schliff, die Verzierung und Bemalung vorzubereiten. Und somit jedem Gesicht seinen ganz eigenen Charakter zu geben, jedes Stück ist ein Unikat. Die Masken aus Stanley Kubricks Film „Eyes wide shut“ stammen aus Angons Fabrik, ausgewählt vom Filmregisseur selbst.


Bei Venice Art investiert man in Menschen, glaubt an die Talente und Fähigkeiten der inzwischen 80 Mitarbeiter, lokale Kunsthandwerker, talentierte Künstler und lernbegierige Anfänger. Sie werden gefördert, Schulungen und Ausbildung gehören zum Alltag. Zum überdurchschnittlichen Gehalt gehören ebenso ein sicheres Arbeitsumfeld und ein langfristiges Arbeitsverhältnis.

Denn nur durch Investition in das Team schafft man beste Produkte, sagt Edmond Angon.

Also auf nach Shkodër, nicht nur im Februar oder März. Denn ein wenig Karnevalsstimmung herrscht immer in der Stadt.

Venice Art Mask Factory, Rruga Inxh.Gjovalin Gjadri (42.082244, 19.529435, +355684067481, 8.00-17.00 h).



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